Himmelfahrt - Anreise und Check-In
(Meine "Himmelsgeschichten" entstanden Anfang 2019.Genauer gesagt reifte der Plan, endlich mal wieder etwas zu schreiben, in der Silvesternacht, als ich am Rheinufer dem Feuerwerk zusah und mir, zugegebenermaßen ziemlich kindlich, überlegte, ob die Himmelsbewohner wohl von oben zugucken und was meine Mutter im Himmel so mache. Sie musiziert! Gar kein Zweifel! Doch erst mal musste sie dort hinkommen...)
Es war ein nasskalter ungemütlicher Mittwochvormittag im November, als Brigitte merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie atmete nicht mehr. Doch anders als in den letzten Tagen verspürte sie keine Panik. Auch ihr Puls schien ausgesetzt zu haben. Immer wieder hatte sie sich gefragt, wie es sein werde zu sterben. Nun war der Zeitpunkt wohl gekommen: sie war tot. Eigentlich fand sie diesen Zustand ganz angenehm: den in den letzten Monat immer kränker und schwächer werdenden Körper spürte sie nicht mehr. Doch sie war auch etwas ratlos. Wie ging es jetzt weiter?
Eberhard würde jetzt eine Menge Arbeit haben: die Beerdigung, die Verhandlungen mit dem Bestattungsinstitut, Kondolenzbriefe- und Besuche. Was man als Witwer halt so zu tun hat. Bei der Todesanzeige hatte sie noch mithelfen können. Eine Harfe, gezeichnet von der künstlerisch begabten Dorothee, sollte darauf sein und einer ihrer Lieblingsverse aus Joh. 14,19: „Jesus spricht: ‚Ich lebe und ihr sollt auch leben’“. Das kam ihr sehr passend vor, denn vor ihrem Ableben war das Leben eigentlich kein richtiges mehr gewesen, und sie freute sich auf das wahre und ewige Leben im Himmel. Auch die Kleiderordnung war besprochen worden. Eberhard sollte ruhig einen dunklen, traurigen Anzug tragen, sie selbst wollte ihre lila Lieblingsbluse und eine schicke Hose anhaben. Auf dem Grab wollte sie Hortensien haben. War das zu viel verlangt? Nein, hatte sie sich die Antwort selbst gegeben, man stirbt nur einmal, und da soll alles stimmen.
Nachdem sie sich mit ihrem Mann über das Layout der Todesanzeige geeinigt hatte und auch sonst alles mögliche erledigt war, ging es ans Abschiednehmen. Was ein Trubel. Alle Kinder kamen noch mal ins Gummersbacher Krankenhaus, auch einige Enkel und einige „Anhänge“. Alle weinten. Zum Glück hatte sie eine Packung Tempos da, die sie etwas genervt an ihre Sippschaft verteilen konnte. Und dann kamen noch ihre Geschwister, alle bis auf Karlo, der schon im Himmel auf sie warten würde. Ihre Brüder und Schwestern sangen ihr einen Choral vor, das heißt: sie gaben dabei ihr Bestes, besonders melodisch war es nicht. Endlich war auch das überstanden.
(...)
Nun war es so weit, sie war gestorben. Und jetzt? Sie hatte sich immer ausgemalt, direkt in den Himmel zu kommen, wenn es einmal so weit war. Vielleicht würde sie von einem Chor aus Engeln begrüßt, der einen wunderschönen Choral sang, begleitet von Harfen und Zimbeln. Vielleicht spielte dazu sogar eine Orgel. Eine weitere Möglichkeit war, dass sie erst einmal Rechenschaft über ihr Leben ablegen musste. Vielleicht saß da tatsächlich Petrus mit einem aufgeschlagenen Buch und verlangte eine Beichte von ihr. Aber sie war doch evangelisch und wusste gar nicht, wie so eine Beichte ablief. Außerdem wollte sie an einige Details ihres Lebens eigentlich gar nicht so genau denken.
Sie war ratlos. Und plötzlich hatte sie große Angst, gar nicht in den Himmel, sondern in die Hölle zu kommen. Wie konnte sie das jetzt noch beeinflussen? Über diesen ängstlichen Gedanken verlor sie das Bewusstsein.
Als sie wieder zu sich kam, war sie bereits unterwegs. Nicht zu Fuß, nicht auf ihrem Elektro-Fahrrad, nicht im Auto. Sie schwebte, sie flog! Nein, sie hatte nicht etwa Flügel – das überprüfte sie sofort. Etwas schien sie zu tragen.
(...)
Fast erschrak sie über ihren eigenen Ausruf: „Halleluja, ich komme in den Himmel!“ Sie malte sich in den schönsten Farben die Himmelspforte aus, durch die sie bald schreiten würde. Doch dann entdeckte sie an einer Zeder die eher sachliche, mit Kreide gezeichnete Anweisung: „Bitte zur Landung bereit machen.“. Brigitte probierte es. Erst war es wie ein Plumpsen, doch dann sank sie herab, ganz kurz vor dem letzten Schild mit der Landeaufforderung. Als sie festen Boden unter sich spürte, wankte sie zunächst ein bisschen. Sie blickte sich verwundert um, bis sie ein Hinweisschild fand: „zum himel hiirlang“. Schon drauf und dran, die mangelhafte Orthographie zu bemängeln, entsann sie sich eines besseren und suchte nach einem weiteren Pfeil. Dieser war schnell gefunden, und es dauerte gar nicht lange, bis sie an ein Pförtnerhäuschen kam.
„Die Himmelspforte, natürlich“,
murmelte sie leise vor sich hin und lachte ein wenig über sich selbst, da sie
ja an einen eher luxuriösen Eingangsbereich gedacht hatte, wo es doch
ausdrücklich „Pforte“ hieß.
Hinter der Glasscheibe saß ein schlaksiger junger Mann, der hastig eine Zigarette ausdrückte. Er möchte etwa 15 Jahre alt sein. Über dem etwas zu langem strähnigen Haar trug er eine offensichtlich nicht mehr ganz neue Schirmmütze mit dem Logo irgendeines Fußballvereines. Völlig unpassend dazu hatte er einen sichtlich wenig getragenen dunkelblauen Anzug an. Vielleicht von seiner Konfirmation oder Firmung? Überrascht war sie auch von seiner förmlichen Begrüßung: „Guten Tag! Haben Sie gut hierher gefunden? Wie kann ich Ihnen helfen?“
Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie den Jungen duzen oder siezen sollte. Schließlich war er weder ein Kind, noch schon richtig erwachsen. Endlich entschied sie sich zum Du. Sie war immer davon ausgegangen, dass sich im Himmel alle duzten – falls dies denn tatsächlich der lang ersehnte Ort war. Etwas verunsichert fragte sie: „Hm, ist dies der Himmel?“ „Selbstverständlich“, sagte der Junge. “Sind Sie angemeldet?“ „Oh, ich wusste nicht, dass man sich anmelden muss“, wunderte sich Brigitte. „Aber eigentlich müsste man mich erwarten. Ich war schwer krank und bin heute morgen gestorben. Eigentlich hatte ich vor, das in einem Hospiz in Wiehl zu tun, doch dann ging alles ganz schnell, und ich bin im Gummersbacher Kreiskrankenhaus gestorben.“. „Sie meinen, Sie sind erlöst worden“, korrigierte sie der Junge. Dann klapperte er auf seiner Tastatur, wühlte in einem Haufen Blätter und sagte: „Ah, hier haben wir’s, glaub ich. In Gummersbach, sagen Sie? Die aus Nordrhein-Westfalen schicken immer noch Faxe, fast alle anderen Bundesländer sind längst auf Mails umgestiegen. Berlin plant sogar eine Whats-app-Gruppe für die Todesmeldungen. Wow, das Fax ist gerade erst angekommen, und Sie sind schon da und können direkt einchecken, so schnell sind wenige. Sie müssen dem Himmel sehr nahe gewesen sein.“ „Naja....“, murmelte sie verlegen.
„Aber nenn mich doch bitte Brigitte! Sonst fühl ich mich so alt...“. In diesem Moment merkte sie, dass sie sich nicht im geringsten alt fühlte. Die Schmerzen, ihr ständiger Begleiter in den letzten Jahren, waren verschwunden. Obwohl sie ihre Brille und ihr Hörgerät nicht mitgenommen hatte, sah und hörte sie alles ganz genau. So bemerkte sie gleich, dass der Junge plötzlich viel entspannter aussah. „Ich bin der Dani,“ sagte er. „Also eigentlich Daniel Friedrich, aber das klingt so spießig.“
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