Schreiben ist Silber, Reden ist Gold
(Zum Glück besteht das Leben
nicht nur aus Phasen. Sonst würde ich behaupten, ich habe schon eine
Benjamin-Blümchen-Phase, eine Steven-King-Phase, eine Pumuckl-Phase (mit Anfang 40)
usw. gehabt.
Die Beschäftigung mit dem guten Sokrates ist ein paar Jahrzehnte her. Warum nicht aus gegebenem persönlichen Anlass noch mal neu reinlesen? Was mich damals am Gespann Plato/ Sokrates genervt hat, ist das Oberlehrerhafte. Gutmensch Sokrates verwickelt seine Bekannten in ein Gespräch, zwei Sätze später sind sie schon eingelullt, und Sokrates könnte ihnen fast alles als Wahrheit verkaufen. Manches fand und finde ich aber gut.)
Im "Phaidros" geht es darum, ob das Schriftliche wirklich so toll ist. Besserwisser Sokrates erzählt Phaidros, der gerade eine Rede von Lysias auswendig gelernt hat (und mächtig stolz darauf ist), die Geschichte von Theut, dem Erfinder der Zahlen und Buchstaben. Hier in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher.
Ich habe also gehört, zu Neukratis in Ägypten sei einer von den dortigen alten Göttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiliget war, er selbst aber der Gott habe Theuth geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunst und die Sternkunde, ferner das Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben. Als König von ganz Ägypten habe damals Thamus geherrscht in der großen Stadt des oberen Landes, welche die Hellenen das ägyptische Thebe nennen, den Gott selbst aber Ammon. Zu dem sei Theuth gegangen, habe ihm seine Künste gewiesen, und begehrt sie möchten den andern Ägyptern mitgeteilt werden. Jener fragte, was doch eine jede für Nutzen gewähre, und je nachdem ihm, was Theuth darüber vorbrachte, richtig oder unrichtig dünkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun soll Thamus dem Theuth über jede Kunst dafür und dawider gesagt haben, welches weitläufig wäre alles anzuführen. Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe Theuth gesagt: Diese Kunst, o König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als ein Mittel für den Verstand und das Gedächtnis ist sie erfunden. Jener aber habe erwidert: O kunstreichster Theuth, Einer weiß, was zu den Künsten gehört, ans Licht zu gebären; ein Anderer zu beurteilen, wieviel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrauchen (275) werden. So hast auch du jetzt als Vater der Buchstaben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, da sie doch unwissend größtenteils sind, und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden statt weise.
Lustigerweise gibt es über den "Phaidros" bzw. die zitierte Stelle zig schriftliche Kommentare, auch einen von mir. Dabei wäre es doch viel schöner, sich bei nem Gläschen Wein oder nem Kaffee zu unterhalten. Sokrates, der Schwätzer, wäre bestimmt dabei.
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