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Die Maus und das Mädchen

(Einfach nur eine Geschichte über Freundschaft. Auch Mausophobiker, wie auch ich eine mal war, werden das überstehen.) Die Maus und das Mädchen  Eines schönen Sommerabends saß ich am Schreibtisch meines Kinderzimmers, als ich aus meinem Augenwinkel etwas Furchtbares beobachtete: durch das gekippte Fenster zwängte sich eine Maus. Vermutlich war sie am Weinstock, der bis zu uns hinaufrankte, in den ersten Stock geklettert. Muße für solcherlei Überlegungen hatte ich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht, denn es wurde immer schlimmer! Die braune Haselmaus sprang von der Fensterbank aus auf das Regal, von dort aus auf eine heraushängende Schreibschublade und dann – völlig ungeniert an mir vorbei – auf den Teppichboden. Erst dann bemerkte sie mich. Dunkelbraune Mausaugen starrten entsetzt in graugrüne Menschenaugen und umgekehrt. Ich fand als erste meine Sprache wieder: „Maus, ich habe Angst vor Mäusen! Und das hier ist mein Zimmer! Ich tu dir nichts! Wenn du mir nichts tust. Okay?...

Der Zaubertrank

Der Zaubertrank   Oculus und Boculus weinten mal wieder ohne Grund vor sich hin. Ein Grund wäre gewesen, wenn sich Beate doll verbrannt hätte oder wenn jemand gestorben wäre. Beides kam manchmal vor. Doch keiner der Brüder hatten heute derartiges mitbekommen. Sie sahen nur, dass Beate aus irgendeinem anderen Grund traurig war, und daher hielten sie es für angebracht, ein paar Tränen zu vergießen.  Zur gleichen Zeit hantierten die hyperaktiven Hände Manuel und Manuela am Wasserkocher rum. Sie schienen Kaffee zu kochen. Alle zehn Finger pfiffen dabei "Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut." Den anderen Körperteilen war es ein Rätsel, wie die Digiten das mit dem Pfeifen anstellten. Fast alle hatten es schon mal probiert, leider ohne Erfolg. Eine Studie, in Auftrag gegeben und durchgeführt von ihnen selbst, hatte ergeben, dass die Finger sich mittels der Pfeiferei im Raum orientieren konnten. Da dies allerdings nur im Nahbereich gelang (im Radius von 23,75 cm), ha...

Hampel und Strampel

 "Hast du gehört, was die Beate vorhin gesagt hat?"  Flegula klang emport.  "No, was denn?", erkundigte sich Legula. "Dass, wenn wir Künstlernamen hätten, Hampel und Strampel heißen müssten".  "Das ist doch total witzig", freute sich Legula. "Und wer von uns hat welchen Namen? Darf ich Hampel  sein?" "Sowas findest du lustig? Du vergisst, dass ich ein furchtbares Trauma habe wegen der Turnlehrerin, die sagte, wir laufen wie ein Elefant. Und diese blöden Tussen, die sich über uns kaputt gelacht haben." "Jetzt vergiss dein Trauma doch mal. Take it easy! Das ist unsere Identität. So sind wir auf die Welt gekommen, und jetzt haben wir noch ein bisschen mehr Identität. Schau mal, der Blinddarm hat noch nicht mal einen eigenen Namen. Wir schon." "Wurmfortsatz", korrigierte Legula ihre ältere Schwester. Und wahrscheinlich hat er keinen Namen, weil er so langweilig ist und keine Probleme macht." "Siehste!...

Fieber

  Statt runterzukommen, plante der Muckl einen Banküberfall und murmelte dem Bankangestellten zu: "Sie werden jetzt ganz ruhig. Spüren Sie die Pistole an Ihrer Schläfe? Was denken Sie dabei? Was fühlen Sie?   Vergessen Sie nicht zu atmen. Ein aus ein aus. Gut so!   Zählen Sie nun 5 Millionen Euro ab. Wie fühlen sich die Scheine an? Lassen Sie einen 1000-Euro-Schein zwischen Daumen und Zeigefinger hin- und herwandern. Was für ein Geräusch nehmen Sie dabei wahr? Atmen Sie weiter. Ein aus ein aus. Nehmen Sie den 1000-Euro-Schein nun in den Mund. Wie schmeckt er? Lutschen Sie an dem Schein. Was fühlen Sie dabei? Schalten Sie nun alle Gedanken aus. Sie sind ganz bei dem 1000-Euro-Schein.   Alles andere ist unwichtig.   Spüren Sie nun, wie sich die Viren auf dem Geldschein in Ihren Organen ausbreiten. Atmen Sie tief in sich hinein. Nehmen Sie bewusst wahr, wie Ihre Lunge versagt. Vergessen Sie dabei nicht zu atmen. Ein aus ein aus. Gut so! Hören Sie nun in Ihre Niere ...

Schüttelreime

Es hört sich so schön einfach an, wenn man da liest:  "Die Welt ist toll vor Reisewut,  indes zu Haus der Weise ruht."  Geschrieben hat das Eugen Roth. Nicht nur die Aussage schon im ersten Vers ist klasse (wie auch das ganze Gedicht), faszinierend ist für mich zur Zeit der Schüttelreim, bei dem die Konsonanten der Reimwörter vertauscht werden oder noch einfacher innerhalb eines Wortes. Sorry, das ist keine wikipediataugliche Definition, soll es auch nicht sein, denn das Schüttelreimen macht einfach viel zu viel Spaß!  Es entstehen dabei Wörter, die in keinem Duden stehen, aber stehen könnten.  Aus Zuckerwürfeln werden Wuckerzürfeln, aus Thermoskannen Kermos-Tannen, aus dem Wischtuch ein Tischwuch und aus der Legehenne eine Hegelenne.  Na gut, diese Wörter schaffen es wahrscheinlich nicht in den Duden. Aber wie wärs mit Greisenmüsli und Meisengrüßli?  

Himmelfahrt - Anreise und Check-In

  (Meine "Himmelsgeschichten" entstanden Anfang 2019.Genauer gesagt reifte der Plan, endlich mal wieder etwas zu schreiben, in der Silvesternacht, als ich am Rheinufer dem Feuerwerk zusah und mir, zugegebenermaßen ziemlich kindlich, überlegte, ob die Himmelsbewohner wohl von oben zugucken und was meine Mutter im Himmel so mache. Sie musiziert! Gar kein Zweifel! Doch erst mal musste sie dort hinkommen...)   Es war ein nasskalter ungemütlicher Mittwochvormittag im November, als Brigitte merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie atmete nicht mehr. Doch anders als in den letzten Tagen verspürte sie keine Panik. Auch ihr Puls schien ausgesetzt zu haben. Immer wieder hatte sie sich gefragt, wie es sein werde zu sterben. Nun war der Zeitpunkt wohl gekommen: sie war tot. Eigentlich fand sie diesen Zustand ganz angenehm: den in den letzten Monat immer kränker und schwächer werdenden Körper spürte sie nicht mehr. Doch sie war auch etwas ratlos. Wie ging es jetzt weiter? Eberhard würd...

Schreiben ist Silber, Reden ist Gold

(Zum Glück besteht das Leben nicht nur aus Phasen. Sonst würde ich behaupten, ich habe schon eine Benjamin-Blümchen-Phase, eine Steven-King-Phase, eine Pumuckl-Phase (mit   Anfang 40)   usw. gehabt. Die Beschäftigung mit dem guten Sokrates ist ein paar Jahrzehnte her. Warum nicht aus gegebenem persönlichen Anlass noch mal   neu reinlesen? Was mich damals am Gespann Plato/ Sokrates genervt hat, ist das Oberlehrerhafte. Gutmensch Sokrates verwickelt seine Bekannten in ein Gespräch, zwei Sätze später sind sie schon eingelullt, und Sokrates könnte ihnen fast alles als Wahrheit verkaufen. Manches fand und finde ich aber gut.)   Im "Phaidros" geht es darum, ob das Schriftliche wirklich so toll ist. Besserwisser Sokrates erzählt Phaidros, der gerade eine Rede von Lysias auswendig gelernt hat (und mächtig stolz darauf ist), die Geschichte von Theut,   dem Erfinder der Zahlen und Buchstaben. Hier in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher.     Ic...