Die Maus und das Mädchen
(Einfach nur eine Geschichte über Freundschaft. Auch Mausophobiker, wie auch ich eine mal war, werden das überstehen.)
Die Maus und das Mädchen
Eines schönen Sommerabends saß ich am Schreibtisch meines Kinderzimmers, als ich aus meinem Augenwinkel etwas Furchtbares beobachtete: durch das gekippte Fenster zwängte sich eine Maus. Vermutlich war sie am Weinstock, der bis zu uns hinaufrankte, in den ersten Stock geklettert. Muße für solcherlei Überlegungen hatte ich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht, denn es wurde immer schlimmer! Die braune Haselmaus sprang von der Fensterbank aus auf das Regal, von dort aus auf eine heraushängende Schreibschublade und dann – völlig ungeniert an mir vorbei – auf den Teppichboden. Erst dann bemerkte sie mich. Dunkelbraune Mausaugen starrten entsetzt in graugrüne Menschenaugen und umgekehrt. Ich fand als erste meine Sprache wieder: „Maus, ich habe Angst vor Mäusen! Und das hier ist mein Zimmer! Ich tu dir nichts! Wenn du mir nichts tust. Okay? Ist das ein Deal?“ Das kleine Tier war der menschlichen Sprache wohl kaum mächtig. Vielleicht hatte sie auch einfach keine Lust auf Konversation. Oder sie hätte vor Angst eh keinen Ton rausgebracht. Sie verharrte noch eine Zeitlang bewegungslos auf der Stelle. Dann rannte sie durch mein Zimmer in meinen Kleiderschrank. Nie war ich bis zu diesem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, man sollte Kleiderschränke zumachen, weil eine Maus reinlaufen könnte. Nun war die Katastrophe eingetreten. Die Maus würde es sich unter meinen Klamotten bequem machen, alles verwüsten, jede Menge Kinder bekommen und so weiter. Ich müsste meinen Eltern beichten, dass sich ein illegales Haustier in meinem Zimmer befand. Oder sollte ich einfach die Zimmertür aufmachen und darauf spekulieren, dass das Tier den Raum verlässt? Dann wäre es aber immer noch in der Wohnung und man könnte höchstens versuchen, es dazu zu bewegen, durch die Wohnungstür in den Hausflur auszuwandern. Nein, das war viel zu kompliziert. Das Problem löste die Maus selbst. Sie kam nach ein paar Minuten aus dem Schrank wieder raus, rannte durchs Zimmer schnurstracks auf meinen Schreibtisch zu, nahm wieder den Weg über Schublade und Regal zum Fensterbrett und quetschte sich durch das gekippte Fenster ins Freie. Ich war heilfroh, dass der Besuch des sonderbaren Einbrechers so glimpflich abgelaufen war. Am nächsten Abend traute ich meinen Augen kaum, als das Mäuschen wieder auf eine Stippvisite vorbeikam. Wie selbstverständlich hüpfte sie vom Fensterbrett über das Regal und die immer noch heraushängende Schreibtischschublade auf den Boden und dann in den Schrank, der immer noch offenstand, kam nach einiger Zeit wieder raus und verließ mein Zimmer auf erprobte Weise. Ich hatte an diesem Tag weniger Angst. Vielmehr staunte ich darüber, dass die Maus sich an meinen Vorschlag hielt und mir nichts tat. Einen ganzen Hochsommer lang wiederholte sich diese Prozedur täglich. Aus Angst und Staunen wurde bald eine regelrechte Freude, wenn die Maus (Sie hatte übrigens keinen Namen. Heute würde ich sie Florian nennen, warum auch immer.) zu Besuch kam. Und ich war traurig, als sie eines Tages nicht mehr auftauchte. Vielleicht war sie gestorben oder hatte das Interesse an meinem Kinderzimmer verloren. Und die Moral dieser Geschichte? Häh??? Es gibt keine. Sonst wäre es ja eine Fabel.
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