Der Zaubertrank
Der Zaubertrank
Oculus und Boculus weinten mal wieder ohne Grund vor sich hin. Ein Grund wäre gewesen, wenn sich Beate doll verbrannt hätte oder wenn jemand gestorben wäre. Beides kam manchmal vor. Doch keiner der Brüder hatten heute derartiges mitbekommen. Sie sahen nur, dass Beate aus irgendeinem anderen Grund traurig war, und daher hielten sie es für angebracht, ein paar Tränen zu vergießen.
Zur gleichen Zeit hantierten die hyperaktiven Hände Manuel und Manuela am Wasserkocher rum. Sie schienen Kaffee zu kochen. Alle zehn Finger pfiffen dabei "Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut." Den anderen Körperteilen war es ein Rätsel, wie die Digiten das mit dem Pfeifen anstellten. Fast alle hatten es schon mal probiert, leider ohne Erfolg. Eine Studie, in Auftrag gegeben und durchgeführt von ihnen selbst, hatte ergeben, dass die Finger sich mittels der Pfeiferei im Raum orientieren konnten. Da dies allerdings nur im Nahbereich gelang (im Radius von 23,75 cm), hatten sie vor Jahren einen Vertrag mit Oculus und Boculus geschlossen: Diese halfen den Fingern beim Aufspüren wichtiger Dinge, und im Gegenzug rieben die Finger morgens zuverlässig den Schlaf aus den Augen. Außerdem setzten sie die Brille auf die Nase. Die Hilfe der Augen war nun gefragt. Während alle anderen Finger weiter pfiffen, fragte Ore Hatz (der Daumen der rechten Hand) sie, ob sie den Honig gesehen hätten. Die Augen antworteten nicht sofort. "Heult ihr schon wieder?", fragte Ore. Irgendwas Nasses hatte ihn getroffen, und dieses Etwas konnte nur eine Träne sein. "Wer heult?", fragte Pinkie, sein kleinster Bruder neugierig. Auch er hatte ganz kurz aufgehört zu pfeifen, stieg jetzt aber lautstark wieder ein. Er war dabei anderthalb Takte zu spät, so dass das Lied jetzt etwa so klang wie das Gekrähe der Alexander-Sittiche, die gerade ihre Runde über der Christuskirche drehten. Als dann auch noch das Carillon sein 18-Uhr-Lied anstimmte, klang der Chor aus Glocken, Fingerpfeifen und Papageien so furchtbar, dass die Sittiche schlagartig verstummten. Kurz entschlossen flogen sie weiter in Richtung Winterhafen. "Ein feste Burg ist unser Gott", erötnte es über die Dächer hinweg von der Kuppel der Christuskirche. Es war ein allabendliches Ritual, und die Finger schwiegen normalerweise immer während der zwei Minuten des Glockenspiels. Heute aber pfiffen sie um so lauter weiter, weil sie sonst vergessen hätten, den Honig zu suchten. Und vor allem, weil auch Pinkie wieder im Takt war. Nur Curuk, der Zeigefinger der linken Hand, machte nicht mehr mit. Er war der einzige, der auf der Bratsche fehlerfrei von der ersten Lage in die dritte und wieder zurück hüpfen konnte. Auch sonst war er sehr musikalisch. Ein paar Takte vor dem Ende des Glocken-Chorals verstand er, wo der Fehler lag: Die Glocken spielten im 4-Viertel-Takt, während die Finger, im 6-Achtel-Takt pfiffen. Außerdem spielten die Glocken in C-Dur, während die Finger in D-Dur pfiffen. Man müsste hier eine Lösung finden. Am einfachsten wäre es, wenn sie die Schlaghammer des Glockenspiels dazu bewegen konnten, zukünftig in C-Dur und im 6-Achtel-Takt zu hämmern.
"Klar heult ihr", stellte Ore fest. "Nein, wir trainieren für Olympia. Wir wollen nämlich die Goldmedaille im Synchronweinen holen." Boculus fand, eine kleine Notlüge sei hier nicht verkehrt. Und außerdem wollten sie ja wirklich bei den Olympischen Spielen antreten. "Gar nicht wahr", behauptete Pinkie spontan. Wir gewinnen nämlich, nicht ihr." "Und wie wollt ihr das machen? Ihr könnt doch gar nicht weinen", konterte Oculus. Jetzt hörten alle restlichen Finger auf zu pfeifen, um kurz miteinander zu tuscheln. Dann verkündete einer der Daumen: "Wir treten im Synchron-Blocklötestpielen an. Die Augen staunten fast zwei Sekunden lang sprachlos, dann fand Boculus seine Fassung wieder: "Geht doch gar nicht. Beate müsste dann ja in zehn Blockflöten gleichzeitig pusten. Sie hat aber nur einen Mund." Spontan behauptete Eraztun-Hatza, der Ringfinger der rechten Hand: "Wir spielen natürlich alle auf ein und derselben Flöte." Jetzt weinten die Augen wieder, und zwar zum allerersten mal fast perfekt synchron, nun aber vor Wut. Sollten die Finger wirklich mit diesem Blockflöten-Ding durchkommen? Niemals!, entschied Oculus. "Völliger Quatsch. Jede Wimper weiß, dass eine Flöte sieben Löcher hat und dass bei jedem Loch, das man zuhält, ein anderer Ton kommt. Das ist nicht synchron, mein Lieber." Die letzten beiden Wörter klangen sehr spöttisch. Wieder tuschelten die Finger, dann bat der linke Daumen um Ruhe und sagte feierlich: "Und deshalb decken wir einfach alle Löcher gleichzeitig ab. Genauer gesagt halten wir Daumen die Flöte fest, und die acht anderen teilen sich die sieben Löcher. Sie wechseln sich immer mit dem Pausieren ab, damit immer einer Zeit hat, die Notenblätter umzudrehen. Wir spielen übrigens Beethovens Eroica." Zugegeben, das hörte sich an, als könnten die Finger den Augen echte Konkurrenz machen.
Um zu verhindern, dass die Finger gleich wieder anfingen zu pfeifen, fragte Oculus schnell: "Wozu braucht ihr denn den Honig? Ihr macht doch Kaffee, oder?" "Nee, wir machen Zaubertrank", antworteten alle zehn Digiten nicht sehr synchron, dafür aber sehr simultan. "Und wer soll da reinfallen?", wollte Boculus wissen. Er hatte mal in einem Buch gesehen, dass ein gallisches dickes Baby namens Obelix in den Kesser gefallen war, der im Garten rumstand. Zum Glück stand der Kessel nicht auf dem Herd, sonst hätte sich das Baby furchtbare Verbrennungen zugezogen. Stattdessen wurde er extrem stark, so dass er, natülich erst als Erwachsener dauernd die Römer verkloppte und danach ein komplettes Wildschwein vertilgte. Jetzt, wo Boculus nochmal über diesen Obelix nachdachte, fand er das ganz praktisch, denn somit konnten die Wildschweine nicht die Gärten der Gallier verwüsten und all ihre Erdbeeren fressen. Er hatte noch nie einen Römer oder Gallier geschweige denn ein Wildschwein gesehen. Ob die wohl gerade alle auf der Flucht waren? "Also, wer soll in den Zaubertrank fallen?" Wieder ruefen die Finger alle gleichzeitig los. Die Finger der linken Hand brüllten: "Niemand!", die Finger der rechten Hand skandierten: "Keiner!". Jetzt ergriff Jari Kelingkingdas , kleinster Finger der linken Hand das Wort: "Das ist doch nicht zum Reinfallen, sondern zum Trinken. Für die Beate. Damit sie nicht mehr traurig ist." "Und das hilft?", wollte Oculus wissen. "Klar", sagte Jari, es kommt nur auf die richtigen Zutaten an: Kaffee, Milch, Honig und Kakao." "Mist, wir haben gar keinen Kakao", stellte Pinkie erschrocken fest. "Macht nichts", entschied Jari, "Wir schmeißen einfach ein Stück Schokolade rein."
Beate hatte die ganze Zeit lang Löcher in die Wand gestarrt, ohne zu merken, dass ihre Augen sehr interessiert der Zubereitung des Zaubertranks folgten. Etwas kitzelte in ihrer Nase. Vielleicht würde sie einen Schnupfen oder Corona bekommen. Sie wollte nach einem Taschentuch tasten, aber die Arme, die Hände und die zehn Finger ignorierten sie. Wenn man Corona hatte, konnte man nichts mehr schmecken, wusste sie. Und riechen? Sie probierte es aus. Und sie roch ... Glückskaffee. Schnell, schnell dorthin, wo der Geruch herkam. Sie fühlte sich hellwach und lief los, dummerweise ohne ihren Beinen Legula und Flegula beschied zu sagen. Die kamen sich prompt gegenseitig in die Quere, so dass Beate mit Haut und Haaren, allen zehn Fingern, dem Sonnengeflecht, allen Lymphknoten und natürlich mit allen anderen Körperteilen, die ja angewachsen waren, hinfiel. "Könnt ihr nicht aufpassen?", herrschte Boculus die Beine an. "Du hättest ja mal gucken können, wo wir langlaufen, du Behindi", meckerte Legula zurück. "Selbst Behindi! Alle beide!" "Was man sagt, das ist man selber", pfiff Jari, und der lütte Pinkie ergänzte pfeifend: "sagen alle dummen Kälber." Die anderen Digiten tasteten nach der Brille und setzten sie auf Beates Nase zurück. Die Chefin lag noch eine Weile auf dem Boden rum. Dann sang sie, interessanterweise in genau der gleichen Melodie wie das mit den Selber-Kälbern: "Hat ja gar nicht wehgetan, war ja nur aus Marzipan." Eine der Nieren und das Kleinhirn überlegten, was hier wohl los sei. "Kindergarten.", entschied das Kleinhirn. Die Beine entschieden sich zur Deeskalation. Sie robbten zu einem Stuhl. Die Arme halfen ihr dabei, sich auf den Sitz plumsen zu lassen. Nach einer kurzen Verschnaufpause nahmen Legula und Flegula allen Mut zusammen, standen auf, liefen zu Anton, dem Bürostuhl und fuhren zum Tisch. Dort stand Beates Lieblingsbecher, der schwarze mit den bunten Punkten.
Es war tatsächlich der Glückskaffee. Bedächtig rührte Beate das Getränk um. Dies war der zweitwichtigste Schritt, auf den der erstwichtigste folge. Sie pustete auf die Flüssigkeit auf dem Löffel, führte ihn zum Mund und testete das Ergebnis. Irgendetwas war anders als sonst. Sie wiederholte die Prozedur. Etwas an dem Kakao schien anders zu sein als sonst. Nochmals wiederholte sie den Test. Der Kakao war definitiv anders als sonst. Ungewohnt, aber - lecker. Der Zaubertrank musste jetzt noch ein ganz wenig abkühlen. In dieser Zeit galt es, etwas Passendes auf YouTube zu finden. Nun sind die Musikgeschmäcker von Fingern so individuell wie sie selbst. Durcheinander pfiffen sie "Mein kleiner grüner Kaktus", "Einigkeit und Recht und Freiheit", "Im Wagen vor mir fuhr ein junges Mädchen", "Patschka cigaret", ein arabisches Liebeslied, "Männer sind Schweine", "Raganu Nacts", "No, rien de rien", "Alle meine Entchen", "Back to Black".
Beate konnte kein einziges Wort Digitisch, fand aber den Augenblick für gekommen, an dem Wunderkaffee zu nippen. Die Finger waren sehr fit in Gedankenübertragung und tippten den Namen des Countertenors ein, den die Chefin so liebte: Philippe Jaroussky. Das Video, ein Konzertmitschnitt, begann wie immer mit Christina Pluhar und ihrer Laute. Dann stimmten ein Geiger, dann ein Mann mit einem merkwürdig krummen Blasinstrument ein und dann, als sei er selbst ein Instrument, der Sänger mit der engelsgleichen Stimme . Er sah ein bisschen aus wie Markus Lanz. Ob Markus Lanz auch so umwerfend schön singen konnte? Eine interessante Frage, die sich Beate heute zum ersten mal stellte. Vielleicht würde sie irgendwann auf YouTube "markus lanz barock arien" eingeben. Aber bestimmt nicht heute. Sie schlürfte den letzten Schluck ihres Glücksgetränks. Auf dem Boden ihres Lieblingsbechers lag etwas. Vorsichtig hob sie das Etwas mit dem Löffel auf probierte. Es war ein Stück Schokolade. Hatte sie selbst das in den Kaffee getan? Sie gähnte: Zeit, sich bettfertig zu machen. Die letzten Arien bekam sie gar nicht mehr mit. Sie träumte von Michel in der Suppenschüssel, der im Schuppen ein Männchen mit Trompete schnitzte. Der kleine Junge hatte seine Schwester Ida aus Versehen gestupst (nein, er wollte sie vor einem Wildschwein retten, das sich dann als Kaninchen herausstellte, doch hatte er sie vor Angst um sie umgestupst), so dass sie hinfiel und die Marzipankartoffel, die es zum Nachtisch gab, ganz allein essen durfte.
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