Wer ich bin
Hm, weiß ich nicht so recht. Ich bemühe mich, es noch rauszubekommen.
Von Beruf bin ich Bürotusse bzw.laut IHK-Zeugnis Bürokauffrau. Das kann alles heißen oder nichts. Alles, weil eine Bürotusse eigentlich ziemlich viel macht, unter anderem dem Vorgesetzten den Rücken freizuhalten. Sie muss aus diesem Grund gelegentlich mal auch eine Zicke sein. Ansonsten ist sie manchmal die einzige in der Firma, die den Überblick hat. Es heißt gelegentlich, eine Bürotusse müsse graue Kostüme tragen und blondiert sein. Bei mir werden vor allem die Haare grau, und ich trage Jeans und verwaschene Shirts.
Meinen derzeitigen Kunden ist das zum Glück egal, hoffe ich zumindest.Es sind Insekten, die sich genau so gerne verkrümeln wie ich. Für sie bauee ich zur Zeit Wohnungen.
Eigentlich wollte ich mal was mit Sprachen machen. Das Schulenglisch wählte ich nach der Zehnte allerdingsdings sofort ab, weil ich durch die Lektüre in der Mittelstufe regelrecht geschädigt war: dauernd diese Liebesgeschichten, bei denen man schon auf Seite Zwei wusste, wie es ausgeht, nämlich gut. Während eines Krankenhausaufenthaltes verliebte ich mich in Ovid und zeitgleich in einen Altphilologen. Daher kann ich noch heute so einigermaßen Latein und Griechisch. Hebräisch kam später dazu, autodidaktisch während einer komplizierten Beziehung in Russland. Auf das Russische wiederum war ich gekommen, weil ich als Teenie mal in Tschaikowski verliebt gewesen war. Dass dieser zu Lebzeiten ein verkappter Homo gewesen war, störte mich nicht im geringsten. Viele, viele Jahre später hatte ich eine Affäre mit einer wundervollen Griechin, mit der ich zwar Deutsch sprach, die ich aber nie verstand und umgekehrt.. Dazwischen lernte ich noch Polnisch und ein paar andere Sprachen, später versuchte ich es mit Kroatisch und Spanisch. Und nun kann ich Google Translator.
Meine Eltern waren polyglott, als sie mich zeugten, doch die Sprache, die sie während des Zeugungsaktes sprachen, kannten nur sie. Ich verstand nach meiner Geburt erstmal kein Wort und lallte entsprechend nur rum. Meine großen Schwestern waren da zweifellos viel weiter als ich. Es galt aufzuholen.
Das Post-Lall-Alter ist viellecht das beste, um Wünsche und Gedanken auszufrücken. So wie ein Autor manchmal seine Akteure benutzt, so schob ich meine Puppe vor, wenn ich zum Beispiel keine Lust hatte, viel zu früh ins Bett geschickt zu werden. Die Puppe hatte dann plötzlich Hunger oder Durst oder musste mal Pipi. Dummerweise kannte meine Mutter diesen Trick.
Mutti war Schriftstellerin, was damals weder sie noch ich wussten. Sie konnte wundervolle Geschichten erzhlen und vewechseltee dabei manchmal einiges. Aber Scheiß drauf, inzwischen tu ich das auch.
Mit acht bekam ich zum Geburtstag eine alte Schreibmaschine. Leider schrieb sie nicht selbst, das musste ich tun, und so entstanden einige Erstlingswerke über Katzen mit Tatzen, Mäuschen im Häuschen und über Außerirdische.
Zeitsprung. Mit Anfang 40 saß ich in der Bimmelbahn von Dieringhausen nach Köln. Mutti war vor kurzem gestorben und ich verweint und verstört. Ich las ihr letztes Buch noch einmal. Es ist ein Buch voller Trauer und schöner Geschichten. Als Dreijährige erfuhr sie vom Tod ihres Vaters, der im Krieg gefallen war. Ihre Geschichtensammlung "Sieben Koffer und ein Kinderwagen" ist auch ein Abschiednehmen von ihm. Ich selbst konnte von meiner Mutter "richtig" Abschied nehmen.
Auch wenn ich nicht besonders gläubig bin, glaube ich, dass Mutti im Himmel ist und sie dort ihren Spaß hat. Vielleicht auch an meinen Geschichten? Das werde ich sie mal fragen, falls ich sie wiedersehe.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen