Annika
(Dieser Text stammt aus dem Sommer 2018. Als ich ihn gerade nochmal las, erschrak ich über seine Länge. Doch war es auch Realität, dass Annika und ich oft stundenlang telefonierten und ich danach nicht mehr wusste: worüber eigentlich? Manchmal habe ich versucht, Struktur in solch ein Gespräch zu bringen. Gleichzeitig war ich fasziniert davon, wie eine Assoziation die nächste ablöste. Was ich ihr besonders verdanke: man kann nicht nur in Zentimetern messen, sondern man kann auch sagen, dass etwas ungefähr so hoch sei wie der obere Aufkleber auf einer Sprite-Flasche. Da ich sie seit Jahren nicht erreiche, spreche ich in der Vergangenheitsform. Sie wird bei ihren verstorbenen Eltern sein.
Übrigens heißt sie nicht Annika. Aus welchem Grund auch immer fand sie Pipilottas Freudin toll, und ich habe ihr versprochen, dass sie Annika heißt, sollte ich mal über sie schreiben.)
Autsch. Annika war gegen die Kante ihres Küchenschrankes gestoßen. Autsch, dachte sie noch mal. Dann dachte sie an ihren Vater. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Ihr Vater hatte ihr beigebracht, nicht zu weinen, wenn sie sich wehtat. Eins zwei drei vier fünf. Eine braune Kuh mit fünf lila Flecken erschien vor Annikas Auge. Sie ging zurück in die Küche. Schokolade!. Vom Wohnzimmer aus waren es elf Schritte. Mit elf hatte sie eine neue Klassenlehrerin bekommen, und ihre Note in Deutsch stieg von einer schlechten Vier auf eine Zwei. Sie begann zu singen. Vom Rauchen der selbst Gestopften war ihre Stimme rau. Wo war eigentlich Markus? Er wollte doch Tabak mitbringen. Sie klopfte an seine Tür. „Miau!“ Dann blieb es ruhig. Annika wusste, dass es besser war, ihn in Ruhe zu lassen. Was hatte sie eigentlich von ihm gewollt? Ach ja, Tabak. In der letzten Apotheken-Umschau stand, dass Rauchen schadet und zu Hochdruckblut führt. Waren das die richtigen Wortbuchstaben? Sie fühlte ihren Puls. Ihr Arm tat weh. Vor zwei Monaten war sie hingefallen. Der Arztdoktor hatte ihr eine Salbe für den Rücken verschrieben, doch im Beipackzettel stand, dass das Medikament zu Schlafstörungen führen könne. An Schlaf war sowieso nicht zu denken. Sie musste mal wieder rappele, also aufs Pipitöpscher. Woher kam das nur? Auf dem Weg zum Klo wäre sie beinahe über einen Kuhscharton gestolpert. Kuhscharton? Manchmal fielen ihr die Wortwörter nicht ein. Doch während sie rappelte (sie wusste genau: auf hochdeutsch hieß dies urinieren), dachte sie an eine braune Kuh. Da fiel ihr ein, dass sie ein Paar brauner Schuhe besaß, die sie vor einigen Wochen im Sonderangebot gekauft hatte. Sie hatten statt 69 Euro nur 39 gekostet, ein Schnäppchen! Jedoch waren ihre Füße zu groß. Wo war nur der Umtauschzettel? Annika lief in die Küche, um den Bon zu suchen. Auf dem Boden lagen Krümel. Was hätte ihre Mutter von ihr gedacht, wenn sie das gesehen hätte? Ihre Mutter war von Sternzeichen Widder, ihr Vater Wassermann. In der Freizeitrevue hatte sie einmal gelesen, dass es in solchen Beziehungen oft Streit über den Abwasch gab. Markus hatte mal wieder nicht abgewaschen, nachdem er sich ein Spiegelei gemacht hatte. Hmmm, es roch nach Rosmarin. Den hatte sie neulich im Sonderangebot beim Sparkauf erworben, genau wie die Haferflocken, von dem sie gleich acht Packungen kaufte. Dummerweise waren die Pfannen aus dem Angebot schon weg. Sie fragte für alle Fälle die Verkäuferin, die sie so hübsch fand, richtig goldisch. An diesem Tag trug die Verkäuferin einen schwarzen Pulli und einen rosa Schal. Ob sie den selbst gestrickt hatte? Annika hätte gerne stricken können und es sogar schon einige Male probiert. Doch es gab so viel dabei zu beachten, wie rum man die Nadeln hält, was für Wolle man nimmt undsoweiter. Immerhin hatte sie im Wollladen richtig tolle Schnäppchen gemacht. Wo war die Kiste nur? Sie hatte auch Strickanleitungen aus allen möglichen Zeitschriften, aber Annika musste sie erst noch sortieren. Die Anleitung für die süßen Eierwärmer musste noch auf dem Wohnzimmertisch liegen. Als sie das Wohnzimmer betrat, überkam sie Trauer und Wut. Warum war es nur so unordentlich? Ihr Papa hätte so eine Schlumbelei nie durchgehen gelassen! Der Professordoktor in der Mainzer Uniklinik hatte ihr bescheinigt, dass sie ADHS habe. Lag es an dem fehlenden Botenstoff, dass ihre Gedanken wie Müsli waren? Müsli enthält langkettige Kohlenhydrate. Das hatte sie in einem sehr interessanten Artikel in der Apotheken-Umschau gelesen. Die Ausgabe musste sich im Küchenschrank befinden, denn es fanden sich darin auch ziemlich gute Tipps zum Grillen und ein Rezept für überbackene Auberginen, das sie unbedingt ausprobieren wollte. Als Kind hatte sie sich gefragt, was eine Au-Bergine sei. Handelte es sich um eine Pflanze aus den Bergen, die sich weh getan hatte? Sie musste über ihre damalige Phantasie lachen. Doch dann merkte sie, dass sie mal wieder gegen die Küchenschrankkante gestoßen war. Was war sie doch für ein Dabbesscher. Sie kannte viele Mainzer Wortwörter. Wäre sie doch nie aus Gonsenheim weggezogen! Sie hatte es bei Stefan so gut gehabt. Sie musste ihn anrufen. Doch die Batterie ihres Gerätetelefons war leer. Das Telefon, ein Siemens-Gerät, hatte sie noch von ihrem Vater, der es bei Quelle gekauft hatte. Es hatte damals 50 Mark gekostet. Der Kassenbeleg musste in einer der Kisten im Keller sein. Auf dem Weg zum Keller leerte sie den Briefkasten. Wie goldisch! Annika blätterte im real-Blättscher, das dort schon seit dem Morgen lag. und studierte die Reklame für Tierfutter. Ein Wau-Wau mit großen Knopfaugen sah sie so lieb an, dass sie ganz vergaß, dass sie eigentlich nach Angeboten für Quark schauen wollte. Der kleine Hund war nun wichtiger. Nach der Schere musste sie nicht lange suchen, sie lag in der Küchenschublade. Und auf dem Körbchen auf dem Küchentisch war Tesafilm. Natürlich war es kein richtiges Tesa, sondern eine andere Marke, doch das war ihr egal: das Zehnerpack hatte bei LIDL nur 1,19 gekostet. Euro. Das waren fast zwei Mark vierzig. Die Politiker machten alles teurer. Doch mit dem Klebeband hatte sie ein echtes Schnäppchen gemacht. Außerdem gab es bei der LIDL-Aktion Schnellhefter für 1,99 pro zehn Stück und Kulis für 2,19. Zwanzig Kugelschreiber waren in der Packung, also kostete einer nur etwas mehr als zehn Cent bzw. 20 Pfennig. Wo war jetzt der Hundi? Da war er! Er bekam einen würdigen Platz neben den süßen Chiquita-Aufklebern. Bananen waren für die Körperernährung sehr gut, genau wie Paprika. Wichtig bei der Paprika war, dass man einen Teelöffel Sonnenblumenöl dazu gab (nicht Rapsöl), da die ungesättigten Fette bei der Aufnahme der Nährstoffe halfen. Wo war jetzt schon wieder das ALDI-Blättscher? Sie war sich sicher, dass es diese Woche Sonnenblumenöl im Angebot gab. Wie süß! Für 12 Euro 99 waren diese Woche Schlafanzüge im Angebot: zartrosa mit lila Rosen. So einen musste sie unbedingt ergattern. Es gab die Kleidungsstücke in Größe 36 bis 46. Sie hatte 56, doch sie wollte sowieso abnehmen. Dazu musste sie nur darauf achten, nicht zu viele Kalorien zu sich zu nehmen. Der Hausarztdoktor wollte, dass sie sich alle vier Wochen bei ihm auf die Waage stellte. Der Doktor hatte so einen schönen weißen Bart. Genau wie der Pfarrer, den sie in der achten Klasse in Religion hatte. Der war so gutmütig gewesen. Mit ihm konnte sie reden: über Gott und die Natur. Er hörte ihr lächelnd zu und sagte manchmal augenzwinkernd: „Mädscher, schreib das aber net inner Klassenarbeit.“ In den Klassenarbeiten war sie immer gut, da sie gerne lernte. Doch dann bekam sie in Deutsch eine blöde Ziege, die dauernd sagte, sie hätte das Thema verfehlt. Sie hatte keine Fehlzeiten. Wenn sie Bauchweh hatte, schickte ihre Mutter sie trotzdem zur Schule. Ihren zweiten Doktor hatte sie letztes Jahr gefragt, was sie gegen das Bauchweh tun solle. Er schrieb ihr ein Medizinrezept. Im Beipackzettel stand, dass sie von dem Medikament Kopfschmerzen bekommen könne. Sie hatte Kopfschmerzen. Deshalb hatte sie einen Termin bei ihrem dritten Arztdoktor ausgemacht. Doch an dem Termintag lag Schnee. Ihr Skoda war schon 16 Tage über den TÜV. Wie sollte sie die Reparatur der Bremsscheiben bezahlen? Kalli aus der Autoreparaturwerkstatt war ein Freund von Birgit, ihrer Freundin. Birgit hatte Zwillinge. Die waren echt süß. Anders als die Kinder von den Nachbarn über ihr. Die trampelten ständig auf dem Boden rum. Und der Vater stopfte dauernd ganze Kartons in die Papiertonne, so dass kaum noch Platz war für das Papier der anderen Nachbarn. Die Nachbarin von gegenüber war eine liebe ältere Frau. Aber der Sohn von ihr! Er hatte mit dem Handy so viel Dummzeug gemacht, dass seine Mutter die Telefonrechnung nicht bezahlen konnte. Das Handy lief nämlich auf sie, weil der Sohn sich nicht darum kümmerte. Er hatte gerade seine Freundin verlassen, weil diese unbedingt einen Hund haben wollte. Wo war noch gleich die Werbung vom Fressnapf? Sie mochte keine Hunde, aber in der Anzeige war ein so niedlicher Hund abgebildet! Eigentlich mochte sie Katzen lieber. Wenn diese alt wurden, waren sie so weise. Wie ein Buddha. Auch sie hatte einen Buddha, der stand im Wohnzimmerschrank. Wie goldisch! Auf der Suche nach dem Buddha hatte sie ein Monchichi gefunden, ein Geburtstagsgeschenk ihrer Cousine. Sie waren früher immer zum Campen auf einen Campingplatz gefahren. Das Haaretrocknen mit dem Fön kostete 20 Pfenig, so dass sie oft mit nassen Haaren herumlaufen musste. Als Kind hatte sie sehr schöne Haare gehabt. Nun wurden sie grau. Im real hatte es neulich Haartönungen für 7,99 Euro gegeben. Bei dm kosteten die Tönungen nur 6,99 Euro, waren aber nicht so gut. Sie kannte sich aus, weil sie einmal ein Praktikum beim Friseur gemacht hatte. Dort durfte sie Farben zusammenmischen. Die Frau von der Fleischtheke hatte eine so schöne Farbe! Sie war sowieso eine sehr schöne Frau. Aber dann fiel ihr Mann von einer Leiter und starb. Es konnte keine Leiter vom Hagebaumarkt gewesen sein, die wäre nicht umgefallen. Die Leitern dort schnitten bei Stiftung Warentest sehr gut ab. Der arme Mann! Sie musste an ihren verstorbenen Vater denken. Er war so ordentlich gewesen. Und sie? Sie versank förmlich in einem Wust aus Papier. So wie sie damals beinahe in der Nordsee versunken wäre, als eine Welle sie packte. Zum Glück kam ihr Onkel ihr zu Hilfe. Eigentlich war er ja der Stiefvater ihrer Cousine, aber war so nett, als wäre er ihr eigener Onkel gewesen! Wenn sie an der Nordsee waren, kaufte er ihr und ihrer Cousine manchmal ein Eis. Sie liebte das Eis. Einmal fiel es ihr auf den Boden. Ein fremder Mann trat barfuß rein und schimpfte. Er hatte eine gelbe Badehose an. Bestimmt hatte Genscher auch eine gelbe Badehose, deshalb war sie dem schimpfenden Mann nicht böse. Hans Dienrich Genscher kannte sie aus dem Fernsehen. Wenn die Tagesschau lief, musste Annika ganz ruhig sein. Ihr Vater schimpfte dann über die Politik, und sie hörte gespannt zu. Danach musste sie ins Bett. Bevor sie einschlief, nahm sie sich jedes mal vor, einmal Bundeskanzlerin zu werden und in schönen Kleidern mit dem Herrn Genscher zu tanzen. Dabei konnte sie gar nicht tanzen. Sie spielte aber gerne Gummi-Twist, was ja so ähnlich war. Einmal war sie dabei hingefallen und blutete. Ihre Mutter klebte auf das Knie ein Pflaster mit einer Mickey Mouse. Einmal im Monat durfte sie sich im Kiosk ein Mickey-Mouse-Heft kaufen. Doch sie las am liebsten die Geschichten von Daniel Düsentrieb. Der konnte so tolle Sachen erfinden und hatte ein Helferlein. Das Helferlein hatte bestimmt Flügel und konnte überall hin, so wie die Biene Maja. Biene Maja konnte sich in Blüten hineinlegen und in den Himmel gucken. Wenn nur im Frühling die Pollen nicht wären! Zur Zeit blühte die Birke. Die Augen brannten ihr, und ihre Hände juckten. Der Arztdoktor hatte ihr ein Medikament verschrieben, das aber zu viele Nebenwirkungen hatte. Sie las den Packbeizettel immer sehr genau. Natürlich hatte sie auch den vom Ritalin gelesen. Lauter schlimme Nebenwirkungen! Die Pharma-Industrie war mafiös, das hatte sie neulich auf Bayern 3 gesehen. Jetzt kam sie in das Programm nicht mehr rein. Es musste an dem Router liegen, der zu weit weg war. Was sollte sie nur machen? Sie hatte an einem Tag zwei Internetverträge abgeschlossen und konnte sich nicht entscheiden zwischen der Telekom, wo sie schon immer war, und Vodafone. Letzterer Anbieter kam ihr besser vor. Der Mann am Telefon war richtig freundlich gewesen und hatte alle ihre Fragen beantwortet. Doch sie war so aufgeregt gewesen, dass sie sich jetzt nicht mehr an die Antwort-Fragen erinnern konnte. Von Vodafone hatte sie einen Receiver erhalten, der weiß war. Das Kaffee-Service, dass sie von Markus Eltern geschenkt bekommen hatte, war nicht mehr ganz so weiß, aber auf dem Rand waren blaue Blumen. War das Service nicht so ähnlich wie das, was sie neulich im Schaufenster von Karstadt gesehen hatte? Darauf waren aber keine blauen Blumen gewesen.
In Tante Inges Garten blühten fast nur rosa Blumen. Wenn sie nur eine Mädchen-Tochter hätte! Dieser würde sie die schönsten rosa Kleider kaufen. Sie könnte sie auch nähen, das hatte sie in der Hauswirtschaftsschule gelernt. Bei dem Gedanken an die Nähmaschine, die seit zwei Monaten in einem ungeöffneten Karton in ihrem Flur stand, wurde sie traurig. Das war so ein Schnäppchen gewesen, und die wunderschöne jugendliche Frau im Werbefernsehen hatte versichert, so ein Angebot sei nur noch für wenige Stunden erhältlich. Natürlich hatte sie sofort zugeschlagen. 799 Euro, die sie in 12 Raten zu nur 79 Euro
zahlen konnte. Die schöne Frau aus dem Werbekanal hatte sich bestimmt gefreut, dass sie sofort angerufen hatte. Nun würde sie bestimmt Verständnis dafür haben, dass ausgerechnet nun auch die Auto-Versicherung fällig war. Ohne Auto wäre sie aufgeschmissen. Allein schon, weil zwei ihrer Arzt-Doktoren in Mainz und der dritte in Oppenheim praktizierten. Sie hätte auch in Guntersblum zum Doktor gehen können, aber als sie dort einmal war, fiel ihr auf, dass die Sprechstundenhilfe ein Kopftuch trug. Möglicherweise wusch sie sich nicht, und übertrug so Viren und Keime, die im Arztwartezimmer nur so darauf warteten, sich auf sie zu stürzen. Auf RTL hatte sie neulich gesehen, wie ein Rettungshubschrauber beinahe abgestürzt wäre, zum Glück aber noch eine Notlandung machen konnte. Der Patient wurde dann mit einem Krankenwagen nach Münster gebracht und überlebte. Im Krankenwagen war ein vietnamesischer Arzt, der aber sehr gut war. Das Essen in Vietnam war bestimmt nicht gut.: zu fettreich und zu labaststoffarm. Ihre eigenen Wort-Gedanken kamen ihr komisch vor. Vielleicht lag das daran, dass sie zu viel Kaffee trank? Sie beschloss, sich den vielen Kaffee abzugewöhnen, wenn die Kaffeemaschine mal kaputt gehe. Doch gerade für diesen Fall hatte sie vorgesorgt. Erstens konnte die Maschine so bald nicht kaputt gehen: nach jedem Gebrauch zog Annika den Stecker und wischte sie mit einem feuchten Lappen ab. Einmal in der Woche kalkte sie sie mit Essig ab. So hatte sie es von ihrer Mutter gelernt. Für alle Fälle stand auf dem Küchenschrank eine weitere Kaffeemaschine. Und noch eine, die sie vor fünf Jahren bei ALDI erstanden hatte: für nur 12,99!
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