Jimmy sinniert über Twitter

 

(Meine Jimmy-Geschichten entstanden nach dessen Tod im August 2020. Kater Jimmy ist immer etwas grummelig gewesen, doch insgeheim freut er sich tierisch, im Himmel Brigitte, die Mutter seines Frauchens, zu treffen. Diese ist Schriftstellerin gewesen, aber eine vom alten Schlag. Jimmy gibt ihr etwas Nachhilfe. Wohlgemerkt,  es ist ein historisches Gespräch aus dem Frühherbst 2020.)

"Hiermit beginnt der zweite Teil [über den legendären Pharao von Wiehl, B.T.]", sagte Jimmy feierlich, rollte aber unübersehbar mit den Augen. "Aber lass mich mit dem Historikzeug in Ruhe, Alda. Historisch schreiben ist total out und beweist nur, dass Schriftsteller*innen wie du der Vergangenheit nachhängen. Kannst ja mal zur Volkshochschule gehen und einen Kurs in Kreativem Schreiben belegen. Was übrigens auch out ist."

"Gibt es denn überhaupt was, das deiner Meinung nach zeitgemäß ist?" "Klar! Wer glaubt, etwas zu sagen zu haben, twittert es. Es gibt da regelrechte Wettbewerbe, die unter verschiedenen Kriterien ausgetragen werden. [...]  Also geht es nun darum, möglichst viel Unsinn zu schreiben. Unangefochtener Weltmeister darin ist Tronald Dump. Der ist zwar offiziell Präsident der USA, nimmt sich aber ziemlich viel Zeit für die Kunst des Twitterns und lässt sich immer wieder was Kreatives einfallen: man solle mehrmals zu Wahl gehen, es gebe keinen Klimawandel und schon gar kein Corona. Und falls es Corona doch gebe, könne man sich ja einfach Desinfektionsmittel spritzen lassen. Er sah zwar bald ein, dass er das nur getwittert hatte, um seinen Anhängern etwas zu bieten und weil ihm gerade nichts besseres eingefallen war, aber da standen schon hunderttausende seiner Follower vor den Krankenhäusern Schlange. Einige Junkies machten das Geschäft ihres Lebens, indem sie benutzte Spritzen zu horrenden Preisen verkauften. Eine Gruppe radikaler Verschwörungstheoretiker tauschte sich in einer WhatsApp-Gruppe über das nahende Weltende aus und bildete spontan eine Menschenkette. Beim Anblick dieser sich umarmenden, Händchen haltenden Fanatiker kam es bei den so genannten "bekennenden Corona-Bejaern 2029" zu einer Massenpanik. Es ging drunter und drüber und vor allem nicht weiter, da die Kliniken nicht genug Personal hatten. Zig Ärzte und Schwestern hatten sich nämlich bereits Desinfektionsmittel injiziert. Sie fanden in der Statistik einen Platz als "im Zusammenhang mit Corona gestorbene Personen" - einer Statistik, die vom Geheimdienst sorgfältig vor Tronald geheim gehalten wurde. Gleichzeitig gelang es einer Vierzehnjährigen in Somalia, Google translator zu hacken. Dies führte dazu, dass Tronalds Tweet, der inzwischen millionenfach geteilt worden war, im Ausland vielfach falsch verstanden wurde. Beispielsweise ließ der russische Präsident Pladimir Wutin einem seiner Feinde ein Kampfgift spritzen. Das machte ihn nicht gerade beliebt, besonders nicht im Ausland, und führte zu heftigen Protesten, doch daran war der Präsident gewöhnt. Er hatte -  aus seiner Sicht - schon immer gewusst, dass Genies verkannt wurden. Nach einigen Gläsern Wodka à 100 Gramm nebst den dazu notwendigen eingelegten Gurken rief er seinen weißrussischen Freund Sascha the Luke auf dessen Handy an und riet ihm väterlich, jegliche Widersacher dingfest zu machen, bevor es zu spät sei. Niemand wusste so recht, warum Sascha seit seiner Jugend den Spitznamen Kakerlake trug, doch wahrscheinlich lag es an seiner Schnelligkeit. Es dauerte nur wenige Sekunden, da waren die komplizierten Knoten der Bondage-Seile gelöst, in denen gerade noch Mascha und Dascha gezappelt hatten. Sascha warf ihnen jeweils einen Tausender hin. Also nicht 1000 Rubel, sondern Dollar. Dascha zückte darauf hin einen Quittungsblock und Mascha den obligatorischen Corona-Kontaktzettel. [...]"

Brigitte sah, dass der Kater langsam die Fassung verlor und geistesabwesend vor sich hinstarrte. Er dissoziierte wohl.

"Und dann?"

Jimmy war plötzlich wieder da. "Es gab dann welche, die behaupteten, dass jegliche Form von Spritzen schädlich seien, also auch das Impfen. Die Fixer spritzten sich weiter was weiß ich was unter die Haut, und ein Teil der Welt-Bevölkerung spritzte einfach so ab.

Kapierst du jetzt, wie wichtig Twitter ist? Das ist schnell, unkompliziert, es gibt keinen Verlag, dafür aber jede Menge Leser."

 

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