Jimmy und die Klopapier-Mafia

 

(Wie kommt ein verstorbener mürrischer und verliebter Kater im Himmel zu einem Oktoberfest-Outfit? Er hat ganz einfach die richtigen Kontakte. Geschrieben für Jimmy im August 2020.)


"Huch!", rief Brigitte, als sie sich am nächsten Tag trafen. "Wie siehst du denn aus? Ein Kater mit Lederhose und Weste?" "Schick, was?", fragte Jimmy stolz. "Glaubst du jetzt immer noch, dass Kater keine Westen tragen? Jonie hat sogar ein Dirndl. Wir wollen heute Abend aufs Oktoberfest."

"Jetzt versteh ich gar nichts mehr", gab Brigitte zu. "Woher hast du diese Klamotten? Und wer ist Jonie? Und warum sollte es im August ein Oktoberfest geben?"

"Nun, Jonie ist meine Freundin. Doro hat sie angeschafft, als ich mir mal ne mehrmonatige Auszeit gegönnt habe. Als ich zurück war, habe mich auf den ersten Blick in sie verknallt, aber sie war da schon schwanger von irgendeinem hergelaufenen Kater. Ich war so eifersüchtig und sauer, dass ich lange Zeit kein Miau mit ihr gewechselt habe. Doch der Vater der jungen Kätzchen hat sich aus dem Staub gemacht, als er erfuhr, dass Jonie Fünflinge erwartete. Irgendwann, nach nächtelangen Psychogesprächen, wurden wir ein Paar. Keiner von uns ahnte, dass unser gegenseitiges Versprechen "bis dass der Tod uns scheidet" schon bald Wirklichkeit werden würde. Jonie wurde von einem Auto zu Matsch gefahren." Bei dieser furchtbaren Erinnerung rollten Jimmy ein paar Tränen über die Schnauze, doch er fing sich gleich wieder und sagte strahlend: "Jetzt haben wir uns endlich wieder! Und sie ist genauso hübsch wie früher." "Das freut mich sehr!", antwortete Brigitte herzlich. "Aber wie um alles im Himmel seid ihr denn an diese Trachten gekommen?"

"Ähäm", räusperte sich Jimmy, "das klingt jetzt bestimmt merkwürdig, aber ich habe Kontakt zu der Klopapier-Mafia aufgenommen. Ich habe da ein paar Bekannte von früher getroffen."

"Mafia?", rief Brigitte entsetzt. Sie dachte sofort an Menschenhandel, Mord und Totschlag, Geldwäsche, Clans, düstere Männer mit Sonnenbrillen - und was man so von der Mafia zu wissen glaubt.

"Keine Angst", beschwichtigte Jimmy sie, als er  ihre Bestürzung bemerkte, "das sind total harmlose Typen, genauer gesagt Hamster, die nicht besonders intelligent sind, aber echt witzig. Sie hüpfen total auf Klopapier, und obwohl sie schon bergeweise davon haben, freuen sie sich über jede einzelne Rolle wie die Schneekönige. Als ich mit einer Rolle Hakle dreilagig bei ihnen vorkam, die ich aus dem irdischen Leben hierher rübergerettet habe - ein richtiger Instinkt, wie ich nun weiß - waren sie regelrecht aus ihren Holz-Häuschen und versprachen, mir alles zu beschaffen, was ich nur wolle.

Ich orderte also die Lederhose, die Weste, einen Federhut sowie Gummistiefel für mich und das Dirndl, Lockenwickler und Gummistiefel für Jonie. Die Hamster zogen sich zu einer Besprechung zurück, und als sie zurückkamen, sagte ihr Sprecher, das mit der Hose, der Weste und dem Dirndl ginge in Ordnung, für den Federhut und die Lockenwickler müsse ich allerdings noch eine halbe Rolle drauflegen  und Gummistiefel seien momentan so rar, dass dies noch mal drei ganze Rolle extra koste. 

Auf  diesen Handel ließ ich mich nicht ein. 'Es gibt schließlich noch andere Hamster-Gangs hier', sagte ich kühl und zog stolz ab. Ich war noch nicht bis zum nächsten Baum gekommen, da quiekte es hinter mir: 'Halt, bleib stehen! Vielleicht kommen wir ja doch noch ins Geschäft.' 'Eine halbe Rolle Hakle gegen die Hose, die Weste, das Dirndl, die Lockenwickler und den Federhut. Kein Stück Klopapier mehr! Nicht mal einlagiges!', antwortete ich geschäftlich. Aufgeregt rannte der Hamster zurück zu seinen Kumpels, während ich gelassen weiterschlenderte. 'Halt!', rief der Bote, der trotz meines gemütlichen Gangs Mühe hatte, mich einzuholen. 'Die Hose, das Dirndl, die Weste und die Lockenwickler. Das ist unser letztes Angebot. Und das auch nur, weil wir Freunde sind.'

Freunde?, wunderte ich mich. Ich kniff die Augen zusammen und dann erkannte ich in dem Hamster den alten Runny. 'Alda, bist du das, Runny?' 'Klar, Alda, die anderen sind auch hier.' Das war ein Wiedersehen! Neben Runny waren da Flausch, die beiden Teddys, Stinki, Whitey und Teddy Cool, außerdem die beiden neurotischen Hamster, die sich geweigert hatten, einen Namen zu bekommen, weil das ihrer Meinung nach dem Datenschutz widersprach.

Wir plauderten eine Weile, doch irgendwie war mir das Gespräch zu oberflächlich, und ich war genervt, weil alle durcheinander quiekten und sich dabei dauernd im Klopapier verhedderten. So bin ich also an meine Hose und meine Weste gekommen und Jonie an ihr Dirndl und die Lockenwickler. Noch Fragen?"

"Ich muss mich erst mal sammeln", gab Brigitte zu. "Das ist ja alles unglaublich. Dass Katzen Trachten und Lockenwickler tragen, ist schon seltsam genug. Aber Hamster, die das alles gegen Klopapier beschaffen? Was machen die damit? Ist das vielleicht sogar eine Art Schwarzmarkt?"

Jimmy grinste breit: "Schwarzmarkt? Nee. Hier bekommt man doch alles, was man nur haben will, einfach so, das müsstest du doch wissen. Aber das ist langweilig, finden die Hamster, und ich auch. Handeln ist viel lustiger."

"Allerdings!", rief Brigitte lachend. "In Ägypten habe ich auch gerne gehandelt [...].

"Das müsstest du mal den Hamstern erzählen!", rief Jimmy. "Was die an Klopapier verschwenden, grenzt schon an Dekadenz. Die geschickteren von ihnen wickeln sich immerhin darin ein und spielen Mumie. Und Teddy 1 und Teddy 2 tauschen einzelne Blätter mit Motiven, also Blumen, Vögeln, Hunden, Werbesprüchen oder Kängurus. Ganze Alben haben sie schon zusammen. Schade, die hätten sich bestimmt über die Hieroglyphen gefreut. Die anderen Hamster schmeißen die Rollen nur rum und verheddern sich, dann spielen sie mit den leeren Papprollen Staffellauf, aber nur solange, bis einer von ihnen auf die Idee kommt, daran rumzuknabbern. Kein Wunder, dass sie so heiß darauf sind, immer neues Klopapier zu bekommen."

"Aber warum denn ausgerechnet Klopapier?", fragte Brigitte. "Ach Brigitte", seufzte Jimmy, "wir sind hier im Himmel, nicht hinterm Mond! Du bekommst wohl überhaupt nichts mit? Im Frühjahr war Klopapier auf der Erde der letzte Schrei und fast so eine Art Währung, für die man Nudeln und Mehl bekam. Für sehr viel Klopapier bekam man auch Plastikflaschen mit einer übelst stinkenden Flüssigkeit. Die Menschen merkten wohl selbst, dass die Flüssigkeit stank und man sie auch nicht trinken konnte. Ich habe es einmal probiert, aber nach nur einem Tropfen wurde mir total schwindlig. Nach wie vor ist die Flüssigkeit aber so beliebt, dass die Menschen alles, sogar sich selbst, damit besprühen.

Um den Gestank besser zu ertragen, binden sie sich vor ihre Nase und ihren Mund weiße oder bunte Lappen. Ich hätte gerne auch so einen Lappen gehabt, aber weder Doro noch David haben mir einen gegeben. Daher habe ich eine Rolle Klopapier aus dem Bad geklaut und mir alle paar Stunden ein  frisches Blatt davon vor die Schnauze gehalten. Noch Fragen?"

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