Lavendel-Sommer
Wie findet man einen Regenwurm unter Corona-Bedingungen?
Einkaufen geht ja. Maske auf und durch. Es soll Leute geben, für die der tägliche Einkauf beim Discounter ein Highlight ist. Ja, auf jeden Fall! Es gibt sogar so was wie ein Gespräch an der Kasse. "Payback -Kärtsche?" "Nee, aber ich zahl mit Karte." Wenn ich Glück habe, muss ich meine PIN eingeben und hab zwei Sekunden mehr. "Zeddelsche mitnehme?" Wie liebe ich diese Gespräche! Die Themen sind absolut vorhersehbar.
Neulich gab es Lavendel im Angebot, ein Grund mehr, den Laden an der Ecke zu besuchen. Ich betrat das Geschäft sogar drei mal und bin dadurch stolze Besitzerin dreier Lavendelpflanzen. Wie üblich, sahen diese prächtig aus. Doch aus irgendeinem Grund, verlieren solche Discounter-Pflanzen bei mir nach ein paar Tagen immer ihre Schönheit und sterben. So verwunderlich ist es dann aber doch nicht, da die Gewächse in ihren Plastiktöpfen sehr beengt sind. Diesmal wollte ich es richtig machen und topfte den Lavendel in größere Gefäße um, goss sie und griff, da ich keine Gartenschere habe, zur Nagelschere, um Setzlinge abzuschneiden. Entsprechend gestutzt sehen die ursprünglichen Pflanzen jetzt aus, dafür habe ich mit etwas Glück in ein paar Wochen ungefähr 30 Lavendel-Kinder.
Als ich mir die ursprünglichen lädierten Pflanzen so ansah, wünschte ich ihnen für die Erholung viel Glück und versprach ihnen, sie regelmäßig mit Wasser und Pflanzenabfällen zu verwöhnen. Und dann fiel es mir ein: sie brauchen einen Regenwurm! Der würde die Erde belüften und für Nahrung sorgen. In Gedanken gab ich dem Wurm schon einen Namen, beschloss dann aber, dass ich einen zweiten in den Topf stecken sollte, der vielleicht so ähnlich aussähe, dass ich sie verwechseln würde. Und aus dem Alter, in dem man Regenwürmer mit Edding beschriftet, bin ich raus. Mal ganz abgesehen davon, dass sich diese Geschöpfe normalerweise irgendwo unter der Erde befinden und bestimmt nicht viel Lust haben, mit einem Menschen zu reden oder von ihm bequatscht zu werden.
Doch wie komme ich an den oder die Regenwürmer ran? Das Tierheim schloss ich aus. Bei diversen Internetanbietern wurde ich fündig, aber ich hatte keine Lust, 13 Euro plus 3,95 Euro Versand für 250 Würmer zu bezahlen, von denen ich dann 247 aussetzen würde, wahrscheinlich in der Grünanlage vor meinem Haus. Das wars! Wenn jemand Regenwürmer aussetzte, dann bestimmt hier. Auf dem Rückweg vom Discounter, wo ich ein ganz besonders schönes Lavendel-Pflänzchen erworben hatte, erkundete ich die Lage. Der Grünstreifen war noch ziemlich belebt. Die Kiffer hatten sich offensichtlich ein anderes Plätzchen gesucht, doch auf den Bänken saßen alle möglichen anderen Leute. Mit zwangsläufig geübtem Blick stellte ich fest, dass viele den Mindestabstand von 1,50 Metern nicht einhielten. Viel wichtiger aber war es herauszufinden, wo sich möglicherweise Regnwürmer aufhielten. Bestimmt in den Rosenbeeten?
Zu Hause las ich mich im Internet in die Materie ein. Dabei musste ich beinahe weinen, als ich erfuhr, dass Regenwürmer eigentlich nichts weiter können zu als zu fressen und zu kacken. Sie sehen und hören nichts. Aber sie sprechen auch nicht, und das ist mir ganz lieb. Und das Fressen und Kacken ist ungeheuer nützlich. Heute Abend werde ich mir ein oder hoffentlich zwei Exemplare besorgen. Da ich keine Schaufel habe, muss ein Löffel herhalten.
Um 20 Uhr ist es herrlich entspannt. Die Leute von den Parkbänken haben sich verzogen, die Grünfläche ist so gut wie menschenleer. Nur das Blaulicht am Gymnasium stört etwas. Irgend ein Depp hat eine brennende Kippe in einen Mülleimer geworfen, und ein anderer die Feuerwehr alarmiert, weil der Mülleimer kokelte. Während die sechs Leute von der Feuerwehr mitsamt einem Hund und Feuerlöscher den Brand unter Kontrolle kriegen, fragen vier Polizisten die mutmaßlichen Zeugen aus. Mich bemerkte keiner. Gerade rechnete ich nach, wie viele Staatsdiener da zugange waren und ob es nicht günstiger gewesen wäre, einfach eine Flasche Wasser oder den Blaseninhalt zu opfern - da wurde ich auch schon festgenommen. Eine schwarzhaarige Frau, die gerade noch mit einem Blonden rumgemacht hatte, drückte mir die Arme auf den Rücken und verlangte nach meinem Personalausweis. "In der linken Jackentasche", antwortete ich wahrheitsgemäß. Wer geht schon ohne Perso aus dem Haus? Da ich das Dokument aber wegen der Arme auf dem Rücken nicht rausziehen konnte, konnte ich es der Frau auch nicht geben. Diese rief den Blonden zu Hilfe und sagte was von Beamtenbeleidigung. Sie sagte es mit so einem furchtbaren Mannheimer Tonfall, dass mir augenblicklich schlecht wurde. Der andere Typ, also der Blonde, antwortete etwas, das ich nicht verstand Er musste aus der Alzeyer Ecke kommen. Mit mir sprach er aber Hochdeutsch. Während er meinen Ausweis und den Löffel, desinfizierte ("Oh nein Einrich!", rief die Schwarzhaarige und so erfuhr ich seinen Namen), fragte er mich darüber aus, welche Drogen ich intus hätte. Ich hatte keine intus. Na gut, ein Glas Radler, das sich beim Pusten mit 0,15 Promille nicht verbergen ließ. Ansonsten hätten die mir Urin oder Blut abzwacken können.
"Und was ist mit dem Löffel?" fragte die Schwarzhaarige. "Lass gut sei, Kro. Jetzt kannte ich wenigstens auch ihren Namen zumindest den Spitznamen wie ich vermutete.
Inzwischen standen mehrere Polizeiautos auf dem Grünstreifen, zwei Feuerwehrwagen und zwei Rettungswagen. Heinz und Kro waren zu Fuß unterwegs, was ihnen offensichtlich peinlich war. Sie hatten nichts dagegen, als über Funk die Mitteilung kam, dass in der Nähe mehr Fahrzeuge im Halteverbot standen als üblich.
Ich wurde noch einmal befragt und sogar in die Uni-Klinik geschickt, nach sechs Stunden aber wieder entlassen. Die haben da auch bestimmt wichtigeres zu tun.
Eine Strafanzeige wegen Regenwurmdiebstahls habe ich nun zwar am Hals, aber der Polizist, der mich in die Klinik gefahren hat, drückte mir auf dem Weg dorthin noch eine Blechbüchse in die Hand. Sie enthielt fünf Regenwürmer. Der Lavendel-Sommer kann beginnen!
Kommentare
Kommentar veröffentlichen