Lütte

 (Da ich das Katzische nicht beherrsche, konnte ich Lütte nicht um Erlaubnis fragen, ob sie mit der Herausgabe dieses Textes einverstanden ist. Ich kenne sie ja auch gar nicht. Schrotzrelie hat es mir dann erlaubt. Also, Lütte melde dich einfach bei mir, wenn ich was falsch beschreibe. Und nicht frustriert rumbeißen, so wie du es bei D. machst. Ich bin Pazifistin, verstanden? Wenn du dann auf die Idee kommen solltest, dich selbst zu beißen: vergiss es! Das zieht bei mir nicht.)

 

Die Lütte ist weg und meine Schwester in Verzweiflung. Ich auch, obwohl ich sie noch gar nicht kenne. Bei Lütte weiß man nie. Sie weiß es auch nicht. Ob sie vielleicht Borderline hat? Lütte schweigt sich darüber aus, ob sie jemals eine Diagnose erhalten hat. Und die Katzentherapeutin verweist zu Recht auf ihre Schweigepflicht, wenn meine Schwester nachfragt.

Bei der Therapeutin redet Lütte mehr als zu Hause. Gelegentlich verstummt sie aber auch dort. Die Therapeutin muss ihr dann regelrecht "alles aus der Nase ziehen."  Beide, die Therapeutin und Lütte, hassen diese Momente. Beide würden gern oft einfach nur verstummen, da das ja auch eine Form des Redens ist, besonders für Lütte. Doch immer wieder macht die TÄKV (Tierärztliche  Krankenversicherung) Druck: ohne das Liefern von Gesprächsthemen seitens der Therapeutin und bestenfalls das Liefern eines Behandlungsfortschritts genehmigt sie keine weiteren Stunden. Die Therapeutin zieht sich dann selbst etwas aus der Nase, natürlich keinen Popel, sondern einen 1,5-seitigen Text, der gespickt ist mit Fachbegriffen wie neuromorph, polyzentrisch oder autosubmorbid. Solche Wörter kommen bei der TÄKV immer sehr gut an, und bisher hat kein Gutachter jemals nachgefragt, was sich hinter diesen (frei erfundenen) Begriffen eigentlich verbirgt.

Dass Lütte aber irgendein Problem hat, steht für die Therapeutin außer Frage, und natürlich auch für meine Schwester. Bei einem Dreiergespräch stellte sich heraus, dass Lütte widersprüchlich handelt. Bei Schrotzrelie (meiner geliebten Schwester) beispielsweise gerät sie regelrecht in Panik, wenn Frauchen mit offenen Beinen da sitzt. Schrotzrelie riskiert um des lieben Friedens willen Krampfadern, weil sie in Lüttes Gegenwart grundsätzlich die Beine überschlägt. Bei der Therapeutin ist es umgekehrt. Wenn diese die Beine überschlägt, will Lütte ihr an den Kragen. Weder bei Schrotzrelie noch bei der Therapeutin ist es jemals zu einer tödlichen Attacke gekommen, was aber hauptsächlich daran liegt, dass beide Frauen sportlich sind.

Bei dem erwähnten Dreiergespräch schwieg Lütte. Sie schwieg, als die Therapeutin das Fenster aufmachte, sie schwieg, als die Therapeutin das Fenster kippte, sie schwieg, als die Therapeutin das Fenster schloss.

Schrotzrelie ahnte, was nun kommen würde und auch kam. Kaum hatte sie in der Einfahrt der Tierpsychologin gewendet, legte Lütte zu. Der Beifahrersitz wurde bekackt. Dann warf sich die Katze auf die Hupe. Natürlich rief das einige Autofahrer auf den Plan. Zwei hielten an, einer von ihnen rief die Polizei. Schrotzrelie musste Führerschein und Wagenpapiere zeigen. Die Geschichte von der Katze glaubte ihr niemand.

Lütte indes war das niedlichste Kätzchen der Welt und grinste. 

 




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Schreiben ist Silber, Reden ist Gold

Himmelfahrt - Anreise und Check-In

Die Maus und das Mädchen